Speeddating mit dem Tod (2)

Über Tamara:
Tamara (28 Jahre) berichtete in der letzten Mallorca Engel Ausgabe über ihre Herzerkrankung, den damit einhergehenden zwei Herzstillständen und ihren optimistischen Umgang mit einer lebensgefährlichen Krankheit. Mehr über Tamara erfährst du außerdem in ihrem Buch („Mein Speed-Dating mit dem Tod“, verfügbar im Buchhandel und auf amazon.de) oder auf ihrem Instagram-Account @its.tamara.schwab.

Folgebericht von Ausgabe 5, Juni 2021

»Und wenn du meinst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo die nächste Bratpfanne her.«

Es war mal wieder soweit!
Mein Leben hat mir vor wenigen Wochen erneut eindrücklich bewiesen – ja, wenn du am wenigsten damit rechnest, dann ist genau der richtige Moment für den nächsten K.O. Schlag gekommen. Mein Plan war es in der neuen Mallorca Engel Ausgabe darüber zu berichten, wie man bestmöglich Rückschläge überwindet! Nichtsahnend, dass mein Leben inzwischen wieder seine eigenen Pläne schmiedete. Es wollte wohl nicht, dass ich nur darüber berichte, wie man Rückschläge meistert. Stattdessen sollte ich selbst nochmal eine Runde üben… Diese Runde sollte aber nicht nur irgendeine Weitere werden. Nein, es sollte nach fünf Jahren Krankheit endlich die Königsdisziplin unter den Herausforderungen des Lebens sein…

29. Mai 2021:
Die Corona Maßnahmen waren endlich gelockert, meine zweite Impfung durch und das Wetter nun endlich bereit für den Sommer! Zeit, um das aufzuholen, was man eineinhalb Jahre lang eben nicht machen konnte – mit der besten Freundin ausgiebig frühstücken, in der Stadt bummeln, in den Biergarten gehen. Einfach wieder Mensch sein!

Tja… ich kam ganze 11 Stunden lang in diesen Genuss. Beim anschließenden entspannten Mädelsabend mit Gintonic und guter Serie war die Zeit dann leider abgelaufen. Wie aus dem Nichts kam mein Herz aus dem Takt und begann in der Folge zu rasen – mit 170 Schlägen pro Minute. Im Sitzen. Es war also wieder soweit … Meine beste Freundin rief den Notarzt während ich Stoßgebete nach oben sendete, dass doch bitte mein implantierter Defibrillator nicht gleich mit dem Schocken beginnen würde.

Ich hatte Glück im Unglück! Mein Defibrillator hielt die Füße still, mein Herz blieb bei 170 Schlägen pro Minute. Nach 20 Minuten kam die Notärztin, nochmal 20 Minuten später schaffte sie es endlich mein Herz von seinem Höhentrip runter zu holen. Ab auf die Trage und los ins Krankenhaus. Dass ich zufällig zu Besuch in München war, wo ich schon jahrelang betreut werde, war wohl ein weiterer Wink des Schicksals.

Tamara Schwab

Im Krankenhaus folgte in den darauffolgenden Tagen mal wieder eine Operation. Die Stellen am Herz, die meine Herzrhythmusstörungen verursachen, sollten verödet werden. Gesagt, getan, waren die Ärzte sehr optimistisch, dass das Problem erst mal wieder für einige Zeit beseitigt war. Aber mein Herz wäre ja nicht mein Herz, wenn es mir und den Ärzten keinen Strich durch die Rechnung machen würde. Denn einen Tag nach der Operation kam mein Herz erneut aus dem Takt. Ich konnte mich gerade noch von meinem Abendessen trennen, ins Bett spurten und den Notfallknopf drücken – dann war es soweit. Mein implantierter Defibrillator schoss eine Ladung Strom durch meinen Körper. Kurz darauf folgte der zweite und dritte Schock bis ich im nächsten Moment ohnmächtig wurde. Eine Reihe an Bildern rauschte vor meinem inneren Auge vorbei, bis die Bilderreihe plötzlich in einem Krankenhauszimmer stoppte. Um mich herum Chaos, Menschen die wild durcheinanderliefen. Wo bin ich gerade?

Ich hatte in diesem Moment wieder einmal knapp Kammerflimmern und einen drohenden Herzstillstand überlebt. Also ab auf die Intensivstation, doch das bewahrte mich nicht davor, dass ich wenige Stunden später den gleichen Horror noch einmal erleben musste.

Den Horror, vor dem ich mich seit meinen ersten Schocks 2018 so sehr fürchte …

Vier Tage und eine weitere Operation später, begrüßte mich die Chefärztin der Klinik. Wir kennen uns inzwischen gut – denn an meinen besonderen Fall trauten sich nur noch wenige.

„Frau Schwab, ich glaube wir sind nun doch schneller als gedacht am Ende unserer Möglichkeiten angelangt. Wir sollten nun langsam den Weg zur Transplantation einschlagen.“
Bäm, das war er! Knallhart! Der Satz, den ich mir in den vergangenen drei Jahren schon so oft innerlich vorgespielt habe, aber nicht im Entferntesten daran glaubte, dass er mir so schnell ins Gesicht gesagt wird…
Welche Gefühle bei solch einer Aussage hochkommen? Bei dem Gedanken daran, dass einem vielleicht bald das Herz aus der Brust genommen wird, um dort ein anderes einzupflanzen? Vermutlich würde man auf Emotionen wie Angst, Sorge und Trauer tippen. Aber nichts von alldem… Stattdessen fing ich an vor Freude zu weinen. Die vergangenen drei Jahre waren einfach zu viel. Zu viel Hoffnungslosigkeit, Angst und Schmerzen. Eine Transplantation könnte all das von einem Moment auf den anderen beenden!

Ein Weg, mit dem ich mich in den vergangenen Jahren schon öfters beschäftigt habe. Ein Weg, den ich nun bereit bin endlich zu gehen …

In Deutschland werden pro Jahr 300 Herzen transplantiert. Die durchschnittliche Wartezeit auf der Hochdringlichkeitsliste liegt bei 4-6 Monaten. Auf der normalen Warteliste ist die Chance gleich 0 ein Herz zu erhalten. Ein Armutszeugnis für Deutschland… In so gut wie keinem anderen europäischen Land wartet man so lange auf ein Organ! Viele Menschen sterben, während sie im Krankenhaus darauf warten, dass endlich ihr neues Leben beginnt. Doch die Politik ist nicht bereit dazu die Widerspruchslösung in Deutschland einzuführen. Deutschland ist damit eines der wenigen Länder in Europa, in welchem man sich aktiv zu Lebzeiten für die Organspende entscheiden muss. Andernfalls werden die Organe nicht gespendet.

In Spanien gilt im Gegensatz zu Deutschland bereits seit vielen Jahre die Widerspruchslösung. Man muss sich aktiv gegen die Organspende

aussprechen, andernfalls werden die Organe nach dem diagnostizierten Hirntod automatisch gespendet. Dadurch reduziert sich in Spanien die Wartezeit auf ein Organ auf wenige Wochen.

Tamara Schwab

Inzwischen liege ich seit neun Wochen im Krankenhaus. Neun Wochen in insgesamt vier verschiedenen Krankenhäusern. Seit vier Wochen bin ich hochdringlich auf der Transplantationsliste gelistet. Und die Tage vergehen. Einer nach dem anderen, ohne ein konkretes Ziel auf das man hinarbeitet. Eingesperrt in einem Zimmer, angeschlossen an einen Monitor, der rund um die Uhr meinen Herzschlag kontrolliert. Jeden Tag die Hoffnung, dass endlich der erlösende Anruf kommt und von heute auf morgen ein neues Leben startet. Da ich eine seltene Blutgruppe habe, wird meine Wartezeit auf 1-3 Monate geschätzt. Es könnte also jeden Moment losgehen.

Und während ich warte, sind meine Gedanken ständig bei einem bestimmten Menschen…

Einem Menschen, den ich nicht kenne und auch nie kennenlernen werde. Der irgendwo da draußen umherläuft, ohne zu wissen, dass es seine letzten Wochen oder Monate sind. Und auch wenn er es nicht
weiß, hat er sich trotzdem irgendwann in seinem Leben mit dem Unvermeidlichsten, das es im Leben gibt, beschäftigt: mit seinem Tod. Und der Frage, was mit ihm passiert, wenn es so weit ist. Er hat sich über das Thema Organspende informiert und eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die ihn mit seinem Tod zu einem Helden machen wird. Ein Held, der mir mit seinem unvermeidbaren Gang aus dem Leben ein neues Leben schenken wird. Das größte Abschiedsgeschenk, das man auf dieser Welt hinterlassen kann…

Herzliche Grüße,
Tamara