Speeddating mit dem Tod

Ich bin Tamara, 28 Jahre alt, blond und 1,65m groß. Der ein oder andere würde mich auf den ersten Blick vielleicht als kleines naives Blondchen abstempeln, wenn er mich das erste Mal zu Gesicht bekommt. »Süß! Das junge Ding hat sicher noch keine Ahnung vom wahren Leben.« Zugegeben: Klein und blond bin ich tatsächlich. Bei dem Rest würde ich aber jederzeit dagegen wetten – und versprochen, ich würde haushoch gewinnen!

»Du weißt nie, wann das Leben entscheidet dir den Stecker zu ziehen!«

Alles begann 2016 – ich war der Ehrgeiz auf zwei Beinen! Ich studierte Kommunikationswissenschaft, BWL und Soziologie, arbeitete 20 Stunden als Werkstudentin bei einer Bank, hatte mir außerdem nebenher eine Selbstständigkeit als Eventmoderatorin aufgebaut. Wenn noch eine Lücke zwischen der Bühne, der Bank und dem Hörsaal frei war, dann folgte ich brav den Sportprogrammen der Instagram-Fitnessszene und trieb meinen Körper am Ende eines stressigen Tages noch eine Runde durchs Fitnessstudio. Es gab schlichtweg kein „genug“ sein, oder ein „Ich mach jetzt mal eine Pause“.

Tamara Schwab - Foto: Nathalie Majewski, www.namama-fotografie.de

Sicher, nicht nur ich habe solche selbstzerstörerischen Verhaltensweisen. Und bei vielen geht das auch ein Leben lang gut! Als wäre der eigene Körper ein Perpetuum Mobile…
Ich habe wohl einfach nur Pech gehabt. Denn eines Tages trieben mich monatelange innere Unruhe und ein seltsamer Druck auf der Brust dann doch mal zum Kardiologen. Und dort erhielt ich wie bei Monopoly eine dieser fiesen Ereigniskarten, die die fein säuberlich aufgestellte Strategie zerstören:

»Sie haben eine Herzmuskelentzündung, ausgelöst durch eine verschleppte Grippe.«

Dieser Satz war meine persönliche Gefängniskarte… Mein Kardiologe verschrieb mir mit dieser Diagnose zwei Monate Arbeitsverbot (ich war gerade im zweiten Monat meiner Probezeit, da ich mittlerweile eine Festanstellung bei der Bank ergattert hatte), bis auf weiteres Sportverbot und ich zählte ab diesem Tag zu den Tablettenjunkies. Eine Welt zerbrach für mich…

Eine Herzmuskelentzündung ist eine Erkrankung, die man sich in den meisten Fällen durch Grippeviren einfängt. In Kombination mit Sport oder viel Stress können Viren in unser Herz gelangen und dieses entzünden. Die Folgen können dramatisch sein: Von Herzrhythmusstörungen und Abgeschlagenheit bis zu dauerhaften Herzleistungseinschränkungen und dem plötzlichen Herztod.

Mein Ehrgeiztrip war von einer Sekunde auf die nächste beendet, und das nicht nur für zwei Monate. Ich beschloss meine Moderatorenkarriere aus Vernunftgründen an den Nagel zu hängen. Für immer. Und bis ich von meinen Ärzten wieder die Sportfreigabe erhielt und das erste Mal nach meiner Krankenphase wieder ein Fitnessstudio betrat, dauerte es eineinhalb Jahre. Den Ort, der zwei Monate später haarscharf mein Grab geworden wäre…

»Die Chance diese Katastrophe zu überleben, lag bei fünf Prozent.«

Am 29. Januar 2018 wachte ich mit einer dicken Beule am Kopf im Krankenhaus auf. Zumindest wurde es mir so erzählt. Ich selbst kann mich nicht mehr daran erinnern – mein Kurzzeitgedächtnis hatte sich für insgesamt fünf Tage verabschiedet. Aber es hatte einen driftigen Grund dafür, den ich eben fünf Tage später auch mal länger als fünf Minuten im Gedächtnis behielt.

Ich hatte am 28. Januar 2018 einen plötzlichen Herztod im Fitnessstudio. Kammerflimmern und Herzstillstand, während ich mir auf dem Cardio-Rad einen abstrampelte. Wow… mein Date mit dem Tod hatte ich ehrlich gesagt nicht unbedingt in diesem Alter erwartet – und mit Sicherheit nicht im Fitnessstudio. So viel zum Thema „Sport ist Mord“.

Aber ich hatte Glück im Unglück. Fünf junge Männer kamen sofort angerannt, erkannten die Situation und begannen an Ort und Stelle mich zu reanimieren.
Erst nach 45 Minuten Reanimation traf der Notarzt mit dem Defibrillator ein. Nach drei Schocks hatte ich wieder Puls und ich wurde zur Sicherheit ins Koma gelegt. Aber ob ich aus dem Koma wieder aufwachen würde? Hundertprozentig sicher war sich da keiner – wo ich doch so lange von Laien reanimiert worden war. Mit der Feuerwehrleiter holte man mich aus dem fünften Stock und brachte mich anschließend mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus. Einen Tag später wagten die Ärzte den Schritt und holten mich wieder zurück ins Leben – erfolgreich! Ohne bleibende Schäden. Mein Date mit dem Tod war mit diesem Schritt offiziell nur noch ein missglücktes „Speed-Dating“. Damit das aber auch so blieb, implantierte man mir kurzerhand einen Defibrillator – meine lebenslange „Lebensversicherung“, wie ihn mir meine Ärzte verkauften. Sollte so etwas nochmal passieren, würde er mir auf der Stelle mit einem Schock das Leben retten. Aber wir wissen ja wie das ist, mit den Versicherungen. Wenn man sie wirklich braucht, dann kann man sich nicht auf sie verlassen!

Denn ein halbes Jahr später hatte der Tod schon wieder ein Speed-Dating mit mir geplant. Dieses Mal im Urlaub, auf der traumhaft schönen Insel Ibiza.
Hätte ich geahnt, dass ich mit einer falsch implantierten „Lebensversicherung“ durch die Gegend laufe, wäre ich vermutlich nicht dorthin gereist.
Denn am zweiten Urlaubstag, am 2. August 2018, bekam ich im Frühstücksraum unseres 5 Sterne Hotels ohne Ankündigung wieder Kammerflimmern. Im selben Moment trafen mich innerhalb von 30 Sekunden fünf Schläge meines Defibrillators, die sich wie fünf Pferdetritte vor die Brust anfühlten. Ein Moment, der mich glauben ließ, dass der Tod nun gewonnen hat… Der Defibrillator konnte das Kammerflimmern nicht beenden, ich wurde ohnmächtig und ich war dieses Mal von den Reanimationskünsten meines damaligen Freundes abhängig.
Ich hatte wieder Glück im Unglück. Er rettete mir nach kurzer Reanimation das Leben und bewies damit: Der Tod hatte sich wieder mal den falschen Ort und die falsche Zeit für unser Date ausgesucht…

Der Urlaubsteil unseres Ibizatrips war mit diesem Ereignis vorbei und ich verbrachte die darauffolgenden acht Tage auf der Intensivstation in Ibiza Stadt.
By the way – das mit Abstand beste Krankenhaus, das ich in den vergangenen fünf Jahren zu Gesicht bekam (und ich habe mittlerweile wirklich Erfahrung!). Das machte zwar meine Situation nicht wirklich angenehmer. Dennoch war es ein beruhigendes Gefühl, wenn das Herz ausgerechnet im Ausland entscheidet Feierabend zu machen.

Mich begrüßten in meinem Urlaub der besonderen Art aber nicht nur Luxusmatratzen und eine persönliche Krankenschwester. Auch die Herzrhythmusstörungen, Existenzängste und Panikattacken waren in diesen acht Tagen meine ständigen Begleiter. Lediglich mein Abgang zurück nach Deutschland setzte dem Urlaub der „besonderen Art“ noch die Krone auf – ich kam in den Genuss eines Privatjetflugs zusammen mit zwei deutschen Ärzten. Meiner Auslandskrankenversicherung sei an dieser Stelle herzlich gedankt!
Doch zurück in Deutschland wurde ich mit Unverständnis begrüßt: »Was stellen Sie sich denn so an? Der Defibrillator hat doch funktioniert!«, war die Überzeugung meines deutschen Arztes. Ähm ja stimmt, ziemlich weh getan hat er mir! Bei seinem wahren Job (mir mein Leben zu retten!) hat er aber kläglich versagt!? Meine Interventionen halfen nicht – man schmiss mich nach vier Tagen im deutschen Krankenhaus wieder hochkant raus.

Drei Wochen später begann Akt Drei des Dramas. Ich landete erneut mit gefährlichen Herzrhythmusstörungen im Krankenhaus. Dieses Mal in Kempten, beim Besuch meines damaligen Freundes. Von dort wurde ich nach München verlegt und man entdeckte die Fehlimplantation meines Defibrillators. Hallelujah, das naive Blondchen hatte wohl doch recht, dass etwas nicht stimmt…
Das war im September 2018. Und noch lange nicht das Ende meiner Geschichte…

Es war aber eine Zeit, aus der ich einige entscheidende Andenken mitnahm: Ein dauerhaft geschädigtes Herz, regelmäßige Herzrhythmusstörungen und die nervige Angst im Nacken, das jederzeit wieder etwas passieren könnte.
Statt Shoppingtouren, fremden Ländern und der Karriereleiter, standen in den darauffolgenden zwei Jahren Kurztrips ins Krankenhaus, Operationen und Arztbesuche in meinem Terminkalender. Aber…

Tamara Schwab - Foto: Nathalie Majewski, www.namama-fotografie.de

»Bei einer Kampfansage des Lebens zieht man in den Kampf und gibt nicht auf! Es geht um alles was du hast – dein Leben.«

Nach ihren Erlebnissen begann Tamara ein Buch über ihre Erlebnisse zu schreiben („Mein Speed-Dating mit dem Tod“, erhältlich mit Signierung auf www.respectyourlimits.de) und startete eine Charityaktion für herzkranke Kinder. Sie wählte den Weg in die Öffentlichkeit und besuchte Shows wie SternTV. Heute ist sie neben ihrer Tätigkeit in der Bank als Speakerin zum Thema psychische Widerstandsfähigkeit aktiv.

Ich war bereit zu kämpfen! Das bin ich auch heute noch. Und so kämpfte ich mich nach zwei Herzstillständen, neun Operationen und unzähligen Krankenhausaufenthalten zurück ins Leben. Klar, es wird nicht mehr wie früher. Es schlägt eben kein gesundes Herz mehr in meiner Brust. Aber dafür brennt in meinem Körper der Wille zu leben und der Wunsch auch andere mit meinen persönlichen Erlebnissen stärker zu machen. Das kleine naive Blondchen gibt es nicht mehr. Aus dem kleinen Blondchen wurde eine starke Frau, die nichts mehr umwerfen kann. Denn ich habe durch das Erlebte einen Weg gefunden mit den Niederschlägen des Lebens umzugehen. Nein, noch viel mehr als nur damit umzugehen! Ich habe gelernt, wie man sogar aus den größten Niederschlägen persönliche Weiterentwicklung, Stärke und viele schöne Erfahrungen ziehen kann.

»Denn das Leben ist nicht nur schwarz-weiß. Es hält so viel mehr für uns bereit. Wir müssen nur genauer hinsehen!«

Willst du mehr erfahren? Dann freue ich mich, wenn du meinen nächsten Artikel bei Mallorca Engel liest und auf meiner Website www.tamaraschwab.com oder meinem Instagram-Account @its.tamara.schwab vorbeischaust.

Herzliche Grüße,
Tamara